Liebe ist...

Vom schönsten Gefühl der Welt
„Toi yeu em“ heißt es auf vietnamesisch, auf schwedisch sagt man „Jag alskar dig“ und die wichtigsten drei Worte persisch ausgesprochen klingen: „Du stet daram“. „Ich liebe dich“, sagen die Menschen vom Süd- bis zum Nordpol zueinander. Und meinen mindestens eine Million unterschiedlicher Dinge damit.
| Das Enneagramm und die neun Formen der Liebe | | | |
| Was ist Liebe? Keine Antworten, nur Fragen, aber dafür unbequeme In unserer Art zu lieben, zu hassen oder gleichgültig zu sein; in unserer Art Liebe anzunehmen oder zu verweigern; in unserer Sehnsucht nach ihr ebenso wie in unserem Liebeskummer zeigen wir, was für Typen wir sind. Es gibt deren neun, sagt das Enneagramm, und diese neun sind nicht nur neun Typen von Menschen, sondern auch neun Arten, wie jeder Mensch der Liebe begegnet, ihrem Licht und ihren Schatten. von Boris Fittkau »I've looked at love from both sides now, Dass wir nicht wissen können, was Liebe ist, das wissen wir inzwischen – oder etwa nicht? Mir kommt es so vor, als hätte jeder von uns unzählige Vorstellungen darüber, was Liebe ist, was sie nicht ist, wie sie auszusehen hat und wie sie auf keinen Fall erscheinen darf. Die Nagelprobe beginnt, wenn unser geliebter Partner oder unsere Kinder sich anders verhalten, als wir es für richtig finden. Oder unserer spiritueller Lehrer uns ganz unspirituell mit unangenehmen Wahrheiten konfrontiert. Können wir die Liebe in allem sehen, was das Leben uns schenkt? Soviel wurde über Liebe schon gesagt und geschrieben. Dies spiegelt unsere große Sehnsucht nach Einheit und Rückkehr zu uns selbst. Wir sehnen uns nach Liebe ohne genau zu wissen, was Liebe ist. Wir haben Vorstellungen und glauben zu wissen, wie Liebe sich zeigen sollte. Aber wenn wir genauer hinsehen, erkennen wir, dass gerade unsere Vorstellungen über Liebe uns von ihr trennen. Ein Schlüssel zur Lösung dieses Dilemmas ist, uns unsere subtilen Vorstellungen über Liebe bewusst zu machen. Das Enneagramm als Spiegel der menschlichen Psyche kann uns dabei helfen, Liebe in ihren unterschiedlichen Ausdrucksformen erkennen zu können. Jeder der neun Archetypen des Enneagramms verkörpert sowohl essentielle Qualitäten der Liebe als auch Imitationen und Vorstellungen davon. Als ich vor einigen Jahren dem amerikanischen Lehrer Steven Harrison die Frage stellte »Was ist Liebe?«, da kam zunächst ein schallendes Lachen. Dann sagte er: »Darauf gibt es nur eine Antwort, und die ist – zu lieben«. Diese Antwort beeindruckt mich immer noch. Vielleicht geht es gar nicht so sehr um die Frage, was Liebe ist, sondern vielmehr darum, was es für mich bedeuten würde zu lieben. Die zweite, vielleicht noch unbequemere Frage ist: Bin ich bereit dazu? Bei dieser Erforschung kann uns das Enneagramm als ein Spiegel der verschiedenen Ausdrucksformen von Liebe dienen und die Fragen aufwerfen, die die Liebe an jeden von uns stellt. In diesem Sinne lade ich den Leser auf eine kurze Begegnung mit den neun Archetypen ein, die im Enneagramm beschrieben werden und auf die Form von Liebe, die sich durch sie ausdrückt. Eins: der Herrscher Auf der Reise durch das Menschsein ist die erste Haltestelle der Typ des Herrschers. Gerecht und gütig, aber auch streng und kompromisslos, wenn es darum geht, die Umstände anzuschauen, die nicht im Lot sind. Liebe an Punkt eins erscheint als Strenge und Gerechtigkeit, als Disziplin, und damit als Erziehung im besten Sinne des Wortes. Typ eins zeigt uns, dass Liebe einen Rahmen braucht, und durchaus auch aus Arbeit und Mühe bestehen kann. Liebe braucht das Sicheinlassen und die Konsequenz, an den Dingen zu arbeiten, die noch nicht vollkommen sind. Gleichzeitig spiegelt uns dieser Typ aber auch, wie Liebe zerstört werden kann – nämlich durch den ewigen Versuch, den Gegenüber ändern und verbessern zu wollen, ihn eben nicht so zu lassen, wie er ist.
Zwei: die Mutter Drei: der Magier Auf unserer Reise durch das Kaleidoskop des Menschlichen sind wir bei der vierten Haltestelle angelangt, dem Archetyp des Künstlers. Er zeigt uns, dass Liebe etwas Kreatives, Neues und Besonderes ist. In seinem Schatten zeigt sich der tragische Romantiker, für den Liebe ein sehnsüchtiges unerfülltes Warten auf den Märchenprinzen ist, der nicht kommt – hoffentlich, denn würde er kommen, nach was sollten wir uns dann noch sehnen? Hier versteckt sich unsere Vorstellung, dass die Liebe sich nie erfüllen kann, dass sie nur in der Ferne zu finden ist, und sie muss romantisch, intensiv und verzehrend sein. Was aber wäre, wenn Liebe gar kein Gefühl wäre? Wenn sie gar nicht im Besonderen und Extremen zu finden wäre, sondern im Gewöhnlichen und Alltäglichen, was dann? Eine Vier zumindest wäre spätestens jetzt sicher, mit dem falschen Partner zusammenzusein. Und weiter würde die Suche nach dem Märchenprinzen auf dem weißen Pferd gehen, weiter würde sich die Spirale von Täuschung und Enttäuschung drehen. Typ Vier spiegelt die unangenehme Wahrheit, dass es gerade unsere Suche nach Liebe ist, die uns die Liebe nicht erkennen lässt. Bin ich bereit, damit aufzuhören und Liebe in dem zu erkennen, was da ist? Bin ich bereit zu lieben?
Fünf: der mystische Philosoph Der Nachbar der Vier, Enneagrammtyp fünf, hat bereits erkannt, dass Liebe nicht in der Ferne liegt und auch nicht in der Welt der Gefühle zu finden ist. Die Fünf hat dies jedoch ein wenig zu wörtlich genommen. Sie hat bereits aufgegeben, die Liebe in der äußeren Welt zu finden; sie hat sich ganz in eine innere, geistige Welt zurückgezogen. Ihre zentralen Antriebskräfte sind Geiz und Habsucht – keine guten Voraussetzungen für Liebe. Aber gottseidank sind wir ja nicht geizig – wir geben viel und gerne und sind bereit, uns von der Liebe und dem Leben voll nehmen zu lassen, und alles zu geben, oder? Typ fünf sieht das anders und spiegelt damit für jeden von uns die tiefsitzende Angst, von der Liebe verschlungen zu werden, wenn wir uns für sie öffnen. Die Frage an Typ fünf (oder die Haltestelle fünf, auf der Lebensreise) könnte lauten: Bist du bereit, den Schatz, den du in dir trägst, mit deinem Mitmenschen zu teilen? Bist du bereit, anderen den kleinen Finger zu reichen und wenn sie wollen, die ganze Hand gleich hinterher – und dich selbst? Willst du das überhaupt – dich ganz schenken und damit jeden Rückzug aufgeben? Der Schatz der Liebe an Punkt FÜNF wird im Archetypen des mystischen Philosophen gespiegelt, der in sich den tiefen Wunsch spürt, wie Goethes Faust, wirklich zu erkennen »was die Welt im Innersten zusammenhält«. Letztlich sucht der Philosoph nach einem tiefen Verstehen, was Liebe ist. Typ fünf spiegelt Liebe als Weisheit und ruhiges, kontemplatives Schauen auf die Irrungen und Wirrungen des Lebens. Ohne Anhaftung, trotzdem voll und ganz da sein als Teil der Welt. In der Welt sein, aber nicht »von dieser Welt«. Sechs: der Held Punkt sechs des Enneagramms wird von Angst und Zweifeln regiert. In Bezug auf die Liebe zeigt dieser Punkt unsere tiefe Angst vor der Liebe und den Wunsch, ihre Unberechenbarkeit abzusichern und uns in sichere Gefilde zu retten. Auf der Lichtseite spiegelt Punkt sechs im Archetyp des Helden Treue und Vertrauen als Wesenskern der Liebe. Liebe bedarf eines treuen Zueinanderstehens auch in schwierigen Zeiten. Eine Verlässlichkeit, die nicht durch das Auf-und-Ab von Gefühlen beeinflusst werden kann. Die Frage, die die Sechs aufwirft ist, ob ich bereit bin, der Liebe voll und ganz zu vertrauen, für sie die Sicherheit aufzugeben und mich aufs offene Meer hinauszuwagen. Kann ich die Unberechenbarkeit des Lebens und der Liebe als Quelle von Lebendigkeit und Kreativität erkennen, ohne Netz und doppelten Boden – bin ich dazu bereit?
Sieben: der Narr Liebe ist eine ernste Angelegenheit, das haben wir auf dieser Reise durchs Enneagramm inzwischen erkannt. »Falsch!« grinst uns der heilige Narr an Punkt sieben des Enneagramms ins Gesicht. Das Leben und die Liebe sind ein Spiel, eine göttliche Komödie, wo man früher oder später gar nicht anders kann, als lauthals über sich selber zu lachen – besonders über unsere Bemühungen, die Liebe endlich zu entdecken. Der heilige Narr bringt den Witz und Humor in die Liebe, den Spaß und die Freude, die Leichtigkeit. Fehlt dieses Element, so wird es schwer, öde, langweilig und ohne Saft. Andererseits zeigt uns der Narr ein entscheidendes Missverständnis, nämlich unsere Vorstellung, dass Liebe immer Spaß und Freude machen muss. Im Schatten des Narren lauert das ewige Kind, dass nicht erwachsen werden will und das lernen muss, dass das Leben nicht nur aus Spielen und Naschen besteht. Liebe in Freiheit bedeutet eben nicht Freie Liebe, polygame Sexualität und wildes Ausleben aller Phantasien, Themen aus denen die Sieben gerne eine Lebensphilosophie macht, die nach außen lebendig und spielerisch wirkt, in der Tiefe aber die Angst vor dem wirklichen Einlassen auf die Liebe verbirgt. Liebe kann sehr ernüchternd sein. Sie kann durchaus scheinbar langweilige und vielleicht sogar schmerzhafte Arbeit sein. Bin ich dazu bereit? Bin ich bereit, mich ernüchtern zu lassen, wenn der Rausch der Verliebtheit vorbei geht, oder hüpfe ich dann zur nächsten Blüte? Acht: der Krieger Wo sich bereits in der Sieben diese starke Ichbezogenheit von »mein Spaß« und »meine Freude« gezeigt hat, so finden wir an Punkt acht auf dieser Reise ungebremsten Egoismus, der sich nicht um das kümmert, was andere wollen oder von ihm halten. Im Schatten des Krieger-Archetypen liegt eine missbrauchtreibende, gewalttätige Persönlichkeit, für die Liebe im Grunde nicht existiert, und die deshalb aus dem Leben herausholen will, was sie kriegen kann. Liebe wird als zartes, schwächliches Gefühl gesehen, dem man mit Härte und offener Dominanz begegnen muss. Hier finden wir unser Machtanspruch über den Partner. Wer mit mir zusammen ist, ist mein
Der Kreis schließt sich an Punkt neun, dem Archetyp des Heiligen. Dieser verkörpert eine allseits akzeptierte Form der Liebe in Gestalt von Freundlichkeit, Akzeptanz und Mitgefühl. Eine Neun versteht und liebt jeden so wie er ist. Sie versorgt, kümmert sich, tut alles für andere. Was für die Umgebung einer Neun durchaus angenehm sein kann, geht für die Neun oft mit Selbstaufgabe einher. Die Neun spiegelt unsere Verwechslung von Liebe mit Harmonie. Wir tun viel dafür, dass Konflikte unter dem Tisch bleiben und die Harmonie gewahrt bleibt. Punkt neun auf unserer Reise zeigt, dass Liebe mit Akzeptanz zu tun hat und tatsächlich immer wieder auch ein Aufgeben der festen Standpunkte beinhalten kann. Aber es zeigt uns auch, dass falsche Harmonie das Ende der Liebe ist und dass Streiten und Zorn ein Ausdruck von Liebe sein kann. Sind wir also bereit, die Konfliktvermeidung zu beenden, auch wenn dabei die Harmonie den Bach runtergeht? Sind wir dazu bereit? Jeder der neun Enneagramm-Typen spiegelt eine Art und Weise, wie Liebe sich zeigen kann. Jeder Typ zeigt eine Facette von Liebe und die dabei auftretenden Missverständnisse und Imitationen von Liebe. Jeder Punkt birgt in sich Aspekte der Liebe, die wir bereits als Liebe in uns und anderen entdeckt haben und wirft gleichzeitig Fragen auf, die uns immer wieder an die Grenze unserer eigenen Liebesbereitschaft bringen.
S. a. connection Spirit 3/06 »Neun Beerdigungen für eine Leiche«, über das Enneagramm-Theater, das im März in Deutschland tourte. Die Fotos zu diesem Artikel sind Aufnahmen aus diesen Theateraufführungen. Die nächsten Enneagramm-Seminare mit Boris Fittkau finden in München statt: 26.-28. Mai »Enneagramm der Archetypen« und 10.-12. Nov. »9 Begegnungen mit Liebe«. Infos hierzu unter | ||||||



Auf der Reise durch das Menschsein ist die erste Haltestelle der Typ des Herrschers. Gerecht und gütig, aber auch streng und kompromisslos, wenn es darum geht, die Umstände anzuschauen, die nicht im Lot sind. Liebe an Punkt eins erscheint als Strenge und Gerechtigkeit, als Disziplin, und damit als Erziehung im besten Sinne des Wortes. Typ eins zeigt uns, dass Liebe einen Rahmen braucht, und durchaus auch aus Arbeit und Mühe bestehen kann. Liebe braucht das Sicheinlassen und die Konsequenz, an den Dingen zu arbeiten, die noch nicht vollkommen sind. Gleichzeitig spiegelt uns dieser Typ aber auch, wie Liebe zerstört werden kann – nämlich durch den ewigen Versuch, den Gegenüber ändern und verbessern zu wollen, ihn eben nicht so zu lassen, wie er ist.
Was die Eins erst mühevoll lernen muss, scheint Typ zwei bereits in sich zu tragen. Hier spiegelt sich der Archetyp der Mutter, die wohlwollend und nährend ihre Kinder in das Erwachsensein hinein begleitet. Hier erscheint Liebe in ihrer mütterlichen Form als Geben, Unterstützen und Fördern durch Lob und Anerkennung. Im Schatten der Mutter liegt die Über-Mutter, die gibt, um etwas zu bekommen; ihre Liebe wird nicht gratis vergeben, sie erwartet einen Rückfluss – und wehe, er kommt nicht … Typ zwei spiegelt die Todsünde des Stolzes, der dadurch genährt wird, dass andere mich für das lieben, was ich für sie tue. Auf dem inneren Weg wird sich Liebe deshalb immer wieder auch als Demütigung zeigen. Die Frage, die die Zwei daher für alle aufwirft ist: Bin ich bereit zu lieben, auch wenn meine Liebe nicht erwidert wird? Bin ich bereit zu geben, auch wenn nichts zurückkommt? Und noch weitreichender: Bin ich bereit zuzulassen, dass die Liebe meinen Stolz demütigt? Kann ich eine Demütigung als Form der Liebe erkennen?
Wo wir schon gerade unbequeme Fragen stellen: Wie sieht es eigentlich mit meinem Image und meinem Status aus? Bin ich bereit, all dies für die Liebe aufzugeben? Bin ich bereit, zu lieben, auch wenn das bedeuten könnte, dass ich mein Gesicht verliere? Wenn wir ehrlich sind, sollten wir zumindest mal schlucken und tief durchatmen, bevor wir mit Ja antworten. Wir wollen schön sein und erfolgreich, wir wollen, dass die Welt bewundernd auf uns schaut – im Enneagramm werden diese Wünsche im Typ drei gespiegelt, dem Archetyp des Magiers, in dessen Schatten die Eitelkeit liegt. Falsche Liebe erscheint hier als ein erfolgreiches Produzieren von glanzvollen Leistungen und Projekten, von Geld, Reichtum, Prestige und perfekten Partnerschaften, wo alles zu stimmen scheint (»Mein Haus, mein Auto, meine Frau, meine Kinder …«). Es wird ein solcher Schein von Liebe und Glück aufgebaut, dass niemand auf die Idee kommt, dass es hinter dem Schein alles hohl sein könnte, dass es eine Fassade ist, eine Filmkulisse – und wenn man die kräftig antippt, dann fällt sie um. Was wäre, wenn die Liebe deine Fassade umwirft, wenn sie die Kulissen zerstört, an denen du vielleicht dein ganzes Leben gearbeitet hast? Würdest du das als Liebe erkennen? Nehmen wir an, du bist erfolgreich, nehmen wir an, du hast es im Leben geschafft – wärst du bereit zu versagen und dies alles zu verlieren? Nehmen wir an, du bist eine schöne Frau, ein schöner Mann – bist du bereit zu altern, den Verfall des Körpers zu erleben – und dies alles als Akt der Liebe zu erkennen? Bin ich bereit, meinen Partner weiterhin zu lieben, auch wenn er alt wird? Ich weiß nicht, wie es dir geht, mich persönlich jedenfalls bringen diese Fragen an eine Grenze. So genau möchte ich es dann doch nicht wissen …
Vier: der Künstler
Fünf: der mystische Philosoph 
Wo sich bereits in der Sieben diese starke Ichbezogenheit von »mein Spaß« und »meine Freude« gezeigt hat, so finden wir an Punkt acht auf dieser Reise ungebremsten Egoismus, der sich nicht um das kümmert, was andere wollen oder von ihm halten. Im Schatten des Krieger-Archetypen liegt eine missbrauchtreibende, gewalttätige Persönlichkeit, für die Liebe im Grunde nicht existiert, und die deshalb aus dem Leben herausholen will, was sie kriegen kann. Liebe wird als zartes, schwächliches Gefühl gesehen, dem man mit Härte und offener Dominanz begegnen muss. Hier finden wir unser Machtanspruch über den Partner. Wer mit mir zusammen ist, ist mein
Neun: der Heilige